Emotionales Essen – warum viele Menschen abends essen, obwohl sie eigentlich nur erschöpft sind
- Ebba Wagner

- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Die meisten Menschen, die wegen emotionalem Essen zu mir kommen, essen tagsüber auffällig "gesund und normal". Der Fokus liegt oft auf Proteinen, auf feste Strukturen, auf Kontrolle.
Einige berichten auch, dass sie ihre Blutzuckerwerte überwachen, täglich Kalorien Tracking Apps verwenden und die Lebensmittel abwiegen. Vermeintliche "schlechte" oder "ungesunde" Lebensmittel werden tagsüber konsequent gemieden.
Und trotzdem passiert abends oft genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollen. Dann sitzt plötzlich jemand um 22 Uhr mit Schokolade auf dem Sofa und denkt: „Ich verstehe nicht, warum ich das nicht einfach im Griff habe.“
Meine Erfahrung in der Zusammenarbeit zeigt, dass die wenigstens Menschen zu wenig Wissen über ihre Ernährung haben. Sie machen sich selbst schlichtweg zu viel Druck, dass ihre Ernährung perfekt sein muss. Doch darüber wird im Zusammenhang mit "gesunder Ernährung" immer noch viel zu wenig gesprochen.
Denn emotionales Essen entsteht selten, weil Menschen Ernährung nicht verstehen. Sondern häufig, weil ein Körper seit Monaten oder Jahren versucht, mit Daueranspannung zurechtzukommen.
Ich beobachte in der Praxis immer wieder denselben Mechanismus: Tagsüber funktionieren die Menschen - aber oft gegen ihre Bedürfnisse. Sie essen zwischen Meetings. Ignorieren Hunger. Trinken Kaffee statt eine Pause zu machen. Versuchen möglichst „clean“ zu essen und wundern sich abends, warum plötzlich Heißhunger entsteht.
Dabei ist genau das biologisch absolut nachvollziehbar.

Der Körper unterscheidet nicht zwischen „wichtigen“ und „unwichtigen“ Belastungen
Das ist etwas, das viele überrascht. Unser Körper bewertet Stress nicht moralisch.
Er macht keinen Unterschied zwischen:
emotionaler Belastung
mentaler Überforderung
Schlafmangel
Zeitdruck
permanenter Erreichbarkeit
Konflikten
innerem Druck
Stress bleibt Stress.
Und genau deshalb verändert chronische Anspannung irgendwann auch unser Essverhalten.
Die Forschung zeigt inzwischen sehr klar, dass chronischer Stress direkte Auswirkungen auf Hunger, Sättigung und Belohnungsverarbeitung hat.
Besonders spannend finde ich dabei, dass viele Menschen ihren eigenen Stress gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Sie funktionieren einfach weiter. Bis der Körper irgendwann versucht, sich selbst irgendwie zu regulieren. Und Essen ist dann für viele eine unglaublich schnelle Strategie.
Warum Essen sich tatsächlich beruhigend anfühlen kann
Viele Betroffene glauben, dieses Gefühl sei „Einbildung“. Ist es nicht!
Essen beeinflusst direkt unser Gehirn.
Vor allem stark verarbeitete Lebensmittel mit viel Zucker und Fett aktivieren Belohnungs- und Regulationssysteme besonders intensiv. Das bedeutet nicht, dass Menschen „süchtig“ nach Essen sind, aber es erklärt, warum Essen kurzfristig tatsächlich entlastend wirken kann.
Für einen Moment wird es ruhiger im Kopf, nicht unbedingt emotional aber körperlich spürbar: weniger Spannung, weniger innerer Druck.
Und genau deshalb greifen viele Menschen gerade abends zu Essen.
Das eigentliche Problem beginnt oft erst danach
Denn auf das Essen folgen häufig Schuldgefühle. „Warum habe ich das schon wieder gemacht?“„Ich müsste mich endlich besser kontrollieren.“„Andere schaffen das doch auch.“ Das ist der Beginn des Teufelskreises: Stress - Essen - Schuld - noch mehr Stress - noch mehr Kontrolle - Essen - ...
Viele Menschen versuchen darauf mit noch strengeren Regeln zu reagieren: Weniger Kohlenhydrate, mehr Kontrolle, Kalorien tracken, Intervallfasten, keine Süßigkeiten mehr, etc.
Kurzfristig fühlt sich das für viele Betroffenen nach Sicherheit hat. Langfristig sehe ich in der Praxis allerdings häufig das Gegenteil. Denn der Körper reagiert biologisch auf Restriktion.

Warum der Körper gegen Restriktion arbeitet
Eines der bekanntesten Experimente dazu ist die Minnesota Starvation Study. Die Teilnehmer waren psychisch gesunde Männer.
Durch die starke Kalorienrestriktion entwickelten viele plötzlich:
intensive Gedanken über Essen
emotionale Instabilität
Kontrollverlust beim Essen
soziale Rückzüge
ständige gedankliche Beschäftigung mit Nahrung
Das Spannende daran: Die Symptome entstanden nicht durch fehlende Disziplin, sondern alleine durch den Energiemangel.
Das erleben heute viele Menschen im Alltag : tagsüber wird alles kontrolliert und restriktiv gegessen, optimiert und verzichtet. Und abends holt der Körper sich das zurück, was über den Tag gefehlt hat.
Warum ich die aktuelle Wellness-Kultur teilweise kritisch sehe
Noch nie haben sich Menschen so intensiv mit Ernährung beschäftigt wie heute. Und trotzdem war das Verhältnis zum Essen bei vielen gleichzeitig noch nie so angespannt.
Alles wird optimiert: Proteine, Blutzucker, Fastenzeiten ,Darmgesundheit, Kalorien, ...
Viele Inhalte - auch zum Beispiel auf Social Media - wirken wissenschaftlich, aber häufig erzeugen sie vor allem eines: Misstrauen gegenüber dem eigenen Körper. Plötzlich fühlt sich normales Essen falsch an.
Viele Menschen verlieren komplett den Zugang dazu:
wann sie hungrig sind
wann sie satt sind
worauf sie eigentlich Lust haben
was ihnen wirklich guttut
Das verstärkt emotionales Essen oft zusätzlich. Denn wer dauerhaft gegen sich arbeitet, lebt irgendwann in permanenter innerer Spannung.
Was langfristig wirklich hilft
Die meisten Menschen erwarten von Ernährungstherapie neue Regeln.
Aber ganz ehrlich?Die meisten Betroffenen kennen längst genug Regeln.
Was fehlt, ist meistens etwas anderes: das Gefühl für deinen eigenen Körper, Sicherheit und Vertrauen in das eigene Hunger- und Sättigungsgefühl und alternative Stressregulations-Mechanismen.
Die aktuelle Forschung zeigt relativ konsistent positive Effekte für:
regelmäßige Mahlzeiten
ausreichend Energiezufuhr
besseren Schlaf
Stressregulation
achtsamkeitsbasierte Verfahren
weniger Restriktion
Nicht, weil Menschen dadurch „perfekter essen", sondern weil das Nervensystem wieder ruhiger werden kann und so weniger Kompensation über das Essen notwendig ist.
Was ich mir wünsche, dass mehr Menschen verstehen, dass emotionales Essen nicht automatisch bedeutet, dass etwas „falsch“ mit einem ist.
Oft ist es einfach ein Zeichen dafür, dass ein Körper seit viel zu langer Zeit versucht, mit Überforderung zurechtzukommen.
Und manchmal beginnt Veränderung nicht dort, wo Menschen lernen, sich stärker zu kontrollieren, sondern dort, wo sie zum ersten Mal aufhören, permanent gegen sich selbst zu kämpfen.
Wenn du dich in diesen Inhalten wieder erkennst, dann melde dich gerne für ein persönliches Beratungsgespräch.




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